Beta-Thalassämie (β-Thalassämie)

β-Thalassämie ist eine seltene, erbliche Blutkrankheit, die durch einen genetischen Defekt des Hämoglobins verursacht wird, der die β-Globinkette betrifft. Hämoglobin befindet sich in den roten Blutkörperchen (Erythrozyten) und ist für die Bindung von Sauerstoff zuständig. Bei Menschen mit β-Thalassämie führen niedrige Hämoglobinwerte, d.h. ein Mangel an funktionstüchtigen Erythrozyten, zu einem Sauerstoffmangel (Anämie) in vielen Teilen des Körpers.

Die β-Thalassämie wird in der praktischen Medizin in drei Schweregrade unterteilt, die sich sowohl in der Symptomatik als auch im Zeitpunkt der Diagnosestellung unterscheiden:

β-Thalassämie minor (Trägerstatus) verläuft meist klinisch unauffällig und weist selten milde Anämie-Symptome auf. Sie bleibt aufgrund mangelnder Symptomatik häufig unentdeckt.

β-Thalassämie intermedia (schwere Thalassämie ohne obligate Transfusionsnotwendigkeit) zeigt sich mit einem breiten klinischen Spektrum. Patienten mit milderem Phänotyp werden zuweilen erst im Erwachsenenalter symptomatisch, während bei schwerer betroffenen Patienten die ersten Symptome schon im Alter von 2 bis 6 Jahren auftreten können. Die Symptomatik verschlechtert sich während des Krankheitsverlaufes.

β-Thalassämie major (schwere Thalassämie mit regelmäßiger Transfusionsnotwendigkeit) weist Symptome wie Blässe, Gelbsucht (Ikterus), Infektionsanfälligkeit, Wachstumsstörungen und Skelettveränderungen auf. Die Diagnose erfolgt, aufgrund der schweren Symptomatik innerhalb der ersten zwei Lebensjahre. Die Patienten sind lebenslang regelmäßig transfusions­bedürftig, ohne Therapie sterben sie in der frühen Kindheit.

In der klinischen Praxis wird auch zwischen einer Transfusions-abhängigen (transfusion-dependent thalassemia = TDT) und einer Nicht-Transfusions-abhängigen Thalassämie (non-transfusion-dependent thalassemia = NTDT) unterschieden. TDT umfasst dabei sowohl die Thalassämie major als auch die schwere Thalassämie intermedia (mit Transfusionstherapie).

Die β-Thalassämie tritt häufig in der Mittelmeerregion, dem vorderen und mittleren Orient, dem indischen Subkontinent, in Südostasien und in Afrika auf. Aufgrund von Bevölkerungsmigration ist die β-Thalassämie mittlerweile jedoch in jedem Land der Welt vertreten.

Was sind die Ursachen einer β-Thalassämie?
Die Ursache einer β-Thalassämie ist eine Veränderung des ß-Globingenes (HBB) auf dem Chromosom 11, die durch Punktmutationen oder in seltenen Fällen auch durch Deletionen hervorgerufen wird. Diese genetische Veränderung führt zu einer reduzierten oder fehlenden ß-Globinkettensynthese. Der dadurch entstehende ß-Globinketten Mangel führt zu einer Hämoglobinbildungsstörung und einem Überschuss an α-Globinketten, was wiederum dazu führt, dass weniger und fehlerhafte Erythrozyten produziert werden (Erythrozyten-Reifungs-Defekt) und sich in schwerer Anämie und anderen schwerwiegenden Symptomen äußern kann.

Was sind die Symptome einer β-Thalassämie?
Betroffene der β-Thalassämie minor weisen meist keine gesundheitlichen Probleme auf. Nur ein geringer Anteil leidet unter Beschwerden einer leichten Anämie, wie zum Beispiel rasche Erschöpfbarkeit, Müdigkeit und Kopfschmerzen. Ein gleichzeitiger Eisenmangel kann allerdings zu einer ausgeprägten Anämie führen.

Patienten mit einer milden Form der β-Thalassämie intermedia werden häufig erst im Erwachsenenalter symptomatisch und weisen eine mäßige Anämie auf. Die schwere Form der β-Thalassämie intermedia verursacht bereits im Kindesalter eine Anämie und ähnelt im weiteren Krankheitsverlauf den Symptomen der β-Thalassämie major.

Betroffene der β-Thalassämie major leiden bereits innerhalb des ersten Lebensjahr unter einer schweren Anämie, infolge der stark gesteigerten aber ineffektiven Erythropoese (aufgrund eines Erythrozyten-Reifungs-Defekts ), was zu blasser Haut, Schwäche, Müdigkeit und schwerwiegenderen Komplikationen, wie vergrößerter Leber und Milz (Hepatosplenomegalie), führen kann. Zudem haben die Patienten ein erhöhtes Risiko, Blutgerinnsel zu entwickeln.

Eine unzureichende Behandlung kann im Krankheitsverlauf zu schweren Symptomen wie Wachstumsstörungen, Entwicklungsverzögerungen oder extramedullärer Blutbildung führen.

Durch die Ansammlung von Eisen aufgrund der Auflösung der Erythrozyten (Hämolyse) und der Transfusionstherapie (s. Abschnitt „Wie wird die β-Thalassämie behandelt?“) kann eine ausgeprägte Eisenüberladung (sekundäre Hämochromatose) entstehen.

Eisenüberladung kann zu Organschäden, kardiale Komplikationen, Morbidität und gesteigerter Mortalität bei schweren Formen der β-Thalassämie führen.

Wie wird eine β-Thalassämie diagnostiziert?
Wenn sich erste Symptome zeigen, wird die Krankheit meist mittels klassischer Analytik diagnostiziert. Am Anfang und im Verlauf werden Untersuchungen des Eisenstatus und hämatologische Untersuchungen durchgeführt sowie Hämatogramm oder Blutausstrich und Hämoglobinanalyse zur Quantifizierung der Hämoglobin-Komponenten (herkömmliche Hämoglobinelektrophorese mittlerweile meist durch Hochleistungsflüssigkeitschromatografie (HPCL) abgelöst). Zur Abschätzung der Krankheitsschwere können molekulargenetische Untersuchungen durchgeführt werden.

Wie wird die β-Thalassämie behandelt?
Die β-Thalassämie minor erfordert in der Regel keine Intervention. Auch bei der β-Thalassämie intermedia ist keine Therapie notwendig, solange die Patienten asymptomatisch sind. Die Patienten sollten lediglich auf das Auftreten erster Symptome (Wachstums- und Entwicklungsstörung, Anämiesymptome, Knochenveränderungen u. a.) eng überwacht werden, um ggf. frühzeitig die Notwendigkeit einer Therapie analog zu der der β-Thalassämie major erkennen zu können. Außerdem wird bei β-Thalassämie intermedia im Verlauf häufig eine Therapie mit eisenbindenden Medikamenten (Chelattherapie) zur Behandlung der resorptiv bedingten sekundären Eisenüberladung erforderlich. Die konservative Therapie der Thalassämie major beinhaltet die regelmäßige Transfusionstherapie zur Aufrechthaltung eines Basis-Hämoglobingehaltes von 9,5-10 g/dl in Kombination mit einer regelmäßigen Chelattherapie.

Die Transplantation mit hämatopoetischen Stammzellen eines HLA-identischen Familienspenders stellt eine andere Therapieoption bei Patienten mit β-Thalassämie major dar. Die Mehrzahl der Patienten wird im Kindesalter transplantiert. Bei erwachsenen Patienten liegen oft schon relevante Organschäden vor, so dass die Komplikationsrate einschließlich der Transplantations-assoziierten Mortalität höher liegt.

Einen weiteren Therapieansatz für eine Subgruppe der Transfusions-abhängigen β-Thalassämie stellt derzeit unter anderem die additive Gentherapie dar.

Patienten, die weder für eine allogene Stammzelltransplantation noch eine Gentherapie geeignet sind oder diese Therapieoption ablehnen, sind auf eine regelmäßige Transfusionstherapie in Kombination mit Eisenchelatoren angewiesen.

Einen neuen Therapieansatz stellt die Behandlung mit einem Erythrozyten-Reifungs-Aktivator dar, der das Potenzial hat, die Transfusionslast und die sekundäre Eisenüberladung zu senken.

Der Krankheitsverlauf bei β-Thalassämie ist von Patient zu Patient sehr unterschiedlich. Daher ist das persönliche Gespräch mit dem behandelnden Facharzt für Hämatologie und Onkologie wichtig, um unter Berücksichtigung des patientenindividuellen Gesundheitszustandes die optimale Therapie zu finden.

Weblinks & Literatur: