Immunonkologie: die körpereigene Abwehr gegen den Krebs aktivieren

Teil 1: Immunonkologie gestern und heute

18.10.2019   |   13:14 CET

Die Immunonkologie zählt derzeit zu den innovativsten medizinischen Forschungsfeldern und ist ein wichtiger Hoffnungsträger der modernen Krebstherapie. Sie basiert auf dem Prinzip, die körpereigene Abwehr so zu beeinflussen, dass sie gezielt gegen Krebszellen vorgeht. Im Gegensatz dazu haben herkömmliche Krebstherapien wie etwa die Chemo- oder Strahlentherapie den Tumor als direkten Angriffspunkt.

Generell kann das Immunsystem von sich aus Tumorzellen erkennen und bekämpfen – jedoch funktioniert dieser Mechanismus nicht immer, denn Krebszellen können sich dem Immunsystem unter bestimmten Bedingungen entziehen. In diesen Fällen werden sie von Immunzellen nicht erkannt oder die Immunzellen werden „ausgebremst“. Um Therapien zu entwickeln, die hier ansetzen, ist es wichtig, die ablaufenden Prozesse genau zu verstehen. Derartige immunonkologische Therapien sind ein wichtiger Forschungsschwerpunkt von Celgene.

Ursprung der Immuntherapie: mit Bakterien gegen Krebs

In den letzten Jahren wurden entscheidende Fortschritte auf dem Feld der Immunonkologie verzeichnet. Die Ursprünge dieses Forschungsansatzes liegen jedoch schon mehr als 100 Jahre zurück: Bereits 1890 entdeckte der New Yorker Chirurg William Coley, dass das Immunsystem in der Lage ist, Krebs einzudämmen. Er hatte bei Krebspatienten beobachtet, dass sich ein Tumor zurückbildete, nachdem man sie mit Streptokokken infiziert hatte bzw. wenn sie an einer bakteriellen Endzündung der Haut (Erysipel) litten. Daraus schloss er, dass das durch die Infektion aktivierte Immunsystem einen entscheidenden Einfluss auf den Krebs hatte. Basierend auf dieser Vermutung begann Coley, Krebspatienten mit abgetöteten Bakterien zu behandeln und so ihr Immunsystem zu aktivieren.1 Nach den Erfolgen Coleys geriet dieser Ansatz der Immuntherapie jedoch zunächst in Vergessenheit. Über Jahrzehnte wurden keine neuen Therapien entwickelt, die das Immunsystem im Kampf gegen Tumoren einsetzen.

Funktionen des Immunsystems verstehen und nutzen

Wichtige Erkenntnisse zum Immunsystem trugen ab den 1970er-Jahren dazu bei, die Immunonkologie weiter voranzutreiben. So wurde etwa der sogenannte Tumornekrosefaktor (TNF) als entscheidender Regulator der körpereigenen Abwehr ausgemacht. Dieser Botenstoff – ein sogenanntes Zytokin – wirkt gegen Tumoren, da er eine apoptotische Wirkung auf Krebszellen und tumorversorgende Gefäße hat. Als Apoptose wird der programmierte Zelltod, also die Selbstzerstörung von Körperzellen, bezeichnet. Durch diesen Vorgang werden nutzlose, alte oder gefährliche Zellen eliminiert. Dieser Prozess ist bei Krebserkrankungen häufig beeinträchtigt. TNF als Krebsmedikament einzusetzen brachte jedoch nicht den erhofften Erfolg. Die gewonnenen Erkenntnisse wurden hingegen erfolgreich für die Behandlung chronisch-entzündlicher Erkrankungen genutzt: Antikörper gegen TNF zählen heute zu den etablierten Therapien in diesem Indikationsbereich.2

Zielgerichtete Immunmodulation mit IMiDs®

Die in Zytokine gesetzte Hoffnung bei der Krebstherapie erfüllte sich zwar nicht, andere Ansätze in der Immunonkologie führten jedoch zum Erfolg – darunter die sogenannten IMiDs® (immunomodulatory drugs), eine patentgeschützte Klasse immunmodulierender Substanzen. Durch intensive Forschungen am multiplen Myelom gelang es Celgene, diese innovative Therapieform nutzbar zu machen. Das multiple Myelom zählt zur Gruppe der Non-Hodgkin-Lymphome und ist eine Krebserkrankung der sogenannten Plasmazellen.

IMiDs® greifen über unterschiedliche Mechanismen in das Tumorgeschehen ein. Zur direkten Wirkung auf den Tumor zählt beispielsweise die Apoptose. Hinzu kommt eine Hemmung der Angiogenese, der Neubildung von Blutgefäßen, die der Tumor zur Nährstoff- und Sauerstoffversorgung benötigt. Auch das Immunsystem wird durch IMiDs® aktiviert: Lymphozyten, darunter natürliche Killerzellen (bestimmte Abwehrzellen des Immunsystems, die Tumorzellen angreifen können), werden angeregt. Darüber hinaus wird die Entzündungsreaktion durch Störung der Zytokinproduktion gehemmt.3

Die therapeutischen Möglichkeiten der Immunonkologie sind noch lange nicht ausgeschöpft: Aktuell befinden sich zahlreiche neue Behandlungen in der Entwicklung. Erst 2018 erhielten die Immunologen James Allison und Tasuku Honjo den Nobelpreis für Medizin. Die beiden Wissenschaftler wurden für ihre Grundlagenforschung honoriert, die zur Entwicklung sogenannter Immun-Checkpoint-Inhibitoren geführt hat. Dieser neuartige Ansatz der Krebstherapie nutzt Antikörper, die gezielt eine negative Immunregulation hemmen bzw. „ausbremsen“. Dies führt wiederum zu einer intensiveren Immunantwort gegen den Tumor.4

Darüber hinaus werden Therapieansätze immer individueller. Als eine besondere Neuerung in dieser Hinsicht gilt die sogenannte Chimeric Antigen Receptor (CAR)-T-Zell-Therapie. Bei ihr werden T-Zellen des Patienten isoliert und im Labor genetisch so modifiziert, dass sie anschließend Krebszellen besser bekämpfen können. Mehr dazu erfahren Sie im zweiten Teil „Personalisierte Medizin mit der CAR-T-Zell-Therapie“ in Kürze hier auf dem Portal.

Weiterführende Informationen zum Thema:
Über den Zusammenhang von Immunsystem und Krebs informiert der Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums:
www.krebsinformationsdienst.de/grundlagen/immunsystem.php

Weitere Informationen zur Immunonkologie bietet auch die Deutsche Krebsgesellschaft:
www.krebsgesellschaft.de/onko-internetportal/basis-informationen-krebs/basis-informationen-krebs-allgemeine-informationen/immunonkologie-mit-dem-immunsys.html

Referenzen
1. McCarthy EF. Iowa Orthop J 2006; 26:154–158.
2. Wick-Urban B. Pharmazeutische Zeitung online. Stand: Juli 2013. URL: www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=47053 (letzter Zugriff: 18. Oktober 2019).
3. Quach H, et al. Leukemia 2010; 24:22–23.
4. Wei SC, et al. Cancer Discov 2018; 8(9):1069–1086.

Foto: © Female Scientific Research Team With Clear Solution In Laborator (AdobeStock – Urheber: Darren Baker)