Multiple Sklerose: wenn das zentrale Nervensystem erkrankt

27.11.2017   |   11:11 CET

Ob laufen, sprechen, essen oder atmen – bewusste und unbewusste körperliche Funktionen werden im Gehirn koordiniert und an die jeweiligen Körperteile übertragen.1, 2 Gleichzeitig erhält das Gehirn Informationen zu verschiedenen Reizen wie Hitze, Kälte, Druck oder Schmerz. Diese Signale werden mithilfe von Nervenzellen vermittelt, die elektrische und chemische Impulse übertragen – ähnlich wie Stromkabel – und die von Myelin umgeben sind. Diese Substanz dient als eine Art Isolator oder Schutzschicht, welche den Nerven ermöglicht, Impulse sehr rasch über ihre Axone weiterzuleiten und diese gleichzeitig schützt.2
Bei der neurologischen Erkrankung multiple Sklerose (MS), an der weltweit etwa 2,5 Millionen Menschen erkrankt sind, wird deutlich, wie wichtig diese Schutzschicht ist.1-3 Bei dieser Erkrankung kommt es zu Entzündungen im Gehirn, die Schäden in der Myelinschicht verursachen, wodurch die Signalübermittlung im zentralen Nervensystem entweder verlangsamt oder komplett blockiert wird. Zudem können durch das Fehlen der Schutzschicht auch die Nervenbahnen direkt unwiederbringlich beschädigt werden. Durch zerstörtes Gewebe können Narben im Gehirn entstehen, die auch als Plaques bezeichnet werden. Daher kommt auch der Name „multiple Sklerose“, was mit „mehrere Narben“ übersetzt werden kann.

„Krankheit mit tausend Gesichtern“: vielfältige MS-Symptome

Je nach Ort und Anzahl der Entzündungsherde unterscheiden sich Erscheinungsbild und Schwere der Erkrankung von Patient zu Patient. Als häufiges und besonders einschränkendes Merkmal der MS gilt eine bleierne Müdigkeit und Erschöpfung, die als Fatigue bezeichnet wird.1, 3 Typisch sind auch weitere verschiedene Symptome wie

  • die Beeinträchtigung von Bewegung und Koordination, die zu Schwierigkeiten u. a. beim Sprechen oder Gehen führen
  • Blasenentleerungs-Störungen
  • verringerte Aufmerksamkeit und Stimmungsschwankungen
  • Sehstörungen
  • Gefühlsstörungen der Haut.1, 3

Auch der Verlauf der Erkrankung unterscheidet sich deutlich. Ist die Krankheit aktiv, also treten verstärkt Symptome auf und verschlechtert sich der Gesundheitszustand, spricht man von einem Krankheitsschub.3, 4 Etwa 80 Prozent der Betroffenen erfahren zwischen wiederkehrenden Schüben einen vollständigen oder teilweisen Krankheitsstillstand und einen Rückgang der Symptome (schubförmige Verlaufsform; relapsing-remitting MS, RRMS).3 Eine unbehandelte RRMS kann im Durchschnitt über 10 bis 15 Jahre anhalten, anschließend kommt es zwischen einzelnen Schüben häufig nicht mehr zum kompletten Stillstand der Erkrankung: Die Krankheit schreitet kontinuierlich fort. Dies wird als sekundär progrediente MS (SPMS) bezeichnet.5
Bei ca. 10 bis 15 Prozent der Patienten treten gar keine Schübe auf, stattdessen kommt es von Beginn an zu einer kontinuierlichen Zunahme und Verschlechterung der Symptome (primär progrediente Variante, PPMS).5

Behandlung der MS:

Da sich frühe Symptome der MS unterschiedlich äußern und zum Teil sehr unspezifisch sind wie z. B. die Fatigue, vergeht oft einige Zeit, bis Patienten einen Facharzt aufsuchen und eine Diagnose gestellt wird – meist durch einen Neurologen, also einen Nervenarzt. Dieser führt verschiedene Untersuchungen durch, wobei auch bildgebende Verfahren zum Einsatz kommen. Da auch erbliche Faktoren bei der MS eine Rolle spielen, wird der Arzt zudem fragen, ob in der engeren Familie bereits multiple Sklerose aufgetreten ist.2
Die Auswahl der Behandlung richtet sich individuell nach jedem Patienten, da einerseits Symptome, Schwere und Verlauf der Erkrankung unterschiedlich sind und sich andererseits die Anforderungen der Betroffenen an ihre Behandlung unterscheiden. Da der MS eine Entzündung zugrunde liegt, kommen insbesondere Medikamente zum Einsatz, die gegen diese Entzündung vorgehen bzw. das Immunsystem beeinflussen. Ziel ist es, einen Rückgang des Entzündungsgeschehens zu erreichen, welches das zentrale Nervensystem wie beschrieben beeinträchtigt und damit die Symptome der MS hervorruft.

Therapiespektrum mit modernen Therapien erweitern

Auch wenn in den vergangenen Jahren bedeutende medizinische Fortschritte erzielt wurden, bleibt die multiple Sklerose bislang eine unheilbare Erkrankung. Jedoch gibt es heute eine Vielzahl wirksamer Medikamente mit unterschiedlichen Wirkmechanismen, so dass viele Patienten zumindest zeitweise eine Linderung ihrer Beschwerden erfahren können und bei Wirkverlust oder Unverträglichkeit einer Therapie noch weitere Optionen haben. Zudem forschen mehrere Unternehmen an zusätzlichen Wirkstoffen, um die multiple Sklerose künftig noch gezielter und mit verträglicheren Medikamenten behandeln zu können. Auch trägt eine größere Bandbreite an Medikamenten dazu bei, dass eine Therapie ausgewählt werden kann, die bestmöglich zur Lebenssituation und den Bedürfnissen des jeweiligen Patienten passt – beispielsweise in der Form und Häufigkeit der Verabreichung.

Hierdurch kann es gelingen, die Lebensqualität der Patienten weitgehend zu erhalten. Menschen mit MS sind dabei nicht alleine – es gibt heute gute Unterstützungsangebote von Krankenkassen oder Patientenvereinigungen für Betroffene. Neben psychosozialer Betreuung oder Informationsmaterial kann auch der Austausch mit anderen Betroffenen ein wertvoller Beitrag sein – zum Beispiel in einer Selbsthilfegruppe. Hier finden Patienten und Angehörige eine Liste von Landesverbänden der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft, die kostenfreie lokale Gruppentreffen veranstaltet.

Referenzen
1. Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V. (2016) Was ist Multiple Sklerose? https://www.dmsg.de/multiple-sklerose-infos/was-ist-ms/ Letzter Zugriff: 25.10.2017
2. Susuki, K. (2010) Myelin: A Specialized Membrane for Cell Communication. Nature Education. 2010;3(9);59 http://www.nature.com/scitable/topicpage/myelin-a-specialized-membrane-for-cell-communication-14367205 Letzter Zugriff: 25.10.2017
3. Deutsche Gesellschaft für Neurologie: http://www.dgn.org/leitlinien/2333-ll-31-2012-diagnose-und-therapie-der-multiplen-sklerose#diagnostik Letzter Zugriff: 25.10.2017
4. Miller, DH et al. (2012) Clinically isolated syndromes. The Lancet Neurology. 2012;11(2);157-169 https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22265211 Letzter Zugriff: 25.10.2017
5. Hersh MH, Fox RJ. (2014) Multiple Sclerosis. Cleveland Clinic – Center for Continuing Education: http://www.clevelandclinicmeded.com/medicalpubs/diseasemanagement/neurology/multiple_sclerosis/ Letzer Zugriff: 25.10.2017

Weiterführende Informationen zum Thema:
Informationen zu MS der deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.:
https://www.dmsg.de/multiple-sklerose-infos/was-ist-ms/

Bild: High quality 3d render of nerve cells (Fotolia – Urheber: jscreationzs)