Mantelzell-Lymphom

Das Mantelzell-Lymphom (MCL, engl. mantle cell lymphoma) ist eine Tumorerkrankung des lymphatischen Systems. Das lymphatische System spielt eine zentrale Rolle in der Immunabwehr. Es besteht aus Lymphknoten, Lymphgefäßen, Milz, Knochenmark, Thymus, Gewebe im Dünndarm, der Haut und des Rachens, sowie Lymphozyten (Untergruppe der weißen Blutzellen).

Lymphome sind eine sehr heterogene Gruppe von Tumoren und werden in zwei Untergruppen eingeteilt: Hodgkin-Lymphome und Non-Hodgkin-Lymphome (NHL). MCL gehört zur großen Gruppe der NHL. Es entsteht aus naiven B-Zellen, d.h. B-Lymphozyten, die noch keinen Antigenkontakt hatten, in einem Lymphknoten. Die B-Lymphozyten befinden sich im äußeren Bereich des Lymphknotens, wo sie sich zu kleinen kugelförmigen Gebilden, den Lymphfollikeln, formieren. Die Zellen des MCL entstammen der Region, die mantelförmig die Zentren der Lymphfollikel umgibt (Mantelzone).

In Westeuropa erkranken jährlich ca. 800 – 1000 Patienten neu an einem MCL, wobei Männer etwa drei bis viermal häufiger betroffen sind als Frauen. Das mittlere Erkrankungsalter liegt bei 65 bis 70 Jahren.

Was sind die Ursachen eines MCL?

Die Ursachen des MCL sind noch nicht abschließend geklärt, jedoch findet man bei vielen Patienten Tumorzellen mit einer charakteristischen Veränderung der Erbinformation. Im Verlauf der Zellteilung kommt es zum Austausch von Bruchstücken der Chromosomen 11 und 14 (t(11;14) Translokation). In der Folge wird das Eiweiß Cyclin D1, das die Teilung und das Wachstum von Zellen steuert, verstärkt produziert. Dies führt dazu, dass die betroffenen B-Lymphozyten sich stark und unkontrolliert vermehren. Welche Faktoren diese Translokation auslösen, ist ebenfalls noch unbekannt, jedoch können bestimmte Chemikalien und radioaktive Strahlung das Risiko für genetische Veränderungen erhöhen.

Was sind die Symptome eines MCL?

Häufig verursacht das MCL keine spezifischen Symptome, und es wird deshalb erst spät diagnostiziert. Die Patienten leiden an Müdigkeit, häufigen Infekten, Fieber, Nachtschweiß und Gewichtsverlust. Infolge der starken Vermehrung von Tumorzellen können Lymphknoten und Milz vergrößert sein. Später befallen die Tumorzellen auch das Knochenmark, wodurch die normale Bildung von Blutzellen gestört ist:

  • Ein Mangel an roten Blutzellen (Erythrozyten) beeinträchtigt die Sauerstoff- und Energieversorgung und kann zu Blässe, Schwächegefühl, Müdigkeit, Herzrasen und Atemnot führen.
  • Zu wenige weiße Blutzellen (Leukozyten) erhöhen die Infektanfälligkeit.
  • Eine Abnahme der Blutplättchen (Thrombozyten) führt zu einer verstärkten Blutungsneigung, z. B. in Form von Nasen- und Zahnfleischbluten und Blutergüssen.

Wenn sich die Tumorzellen auch im Magen-Darm-Trakt und Gehirn ansammeln, können auch Beschwerden dieser Organe auftreten.

Wie wird ein MCL diagnostiziert?

Zur Diagnose führt der Arzt zunächst körperliche Untersuchungen durch, im Rahmen derer Vergrößerungen von Leber, Milz oder geschwollene Lymphknoten festgestellt werden können. Für eine exakte Diagnose eines MCL sind jedoch weitere diagnostische Maßnahmen erforderlich:

  • Großes Blutbild – hierbei werden Abweichungen von der Normzahl an Erythro-, Leuko- und Thrombozyten ermittelt und die genaue Verteilung und Funktion der verschiedenen Leukozyten bestimmt.
  • Bestimmung von Bluteiweißen und die Blutsenkungsgeschwindigkeit.
  • Untersuchungen des lymphatischen Gewebes und des Knochenmarks – in einem kleinen ambulanten Eingriff wird ein vergrößerter Lymphknoten entnommen sowie durch eine Punktion, bevorzugt des hinteren Beckenkammes, Knochenmark gewonnen.
  • Zusätzlich wird das Erbmaterial (Chromosomen) der Lymphomzellen untersucht (zytogenetische Untersuchungen). Mittels eines spezifischen Nachweisverfahrens kann eine Genveränderung, die sehr häufig beim MCL vorkommt, nachgewiesen werden (t(11;14) Translokation).

Der Verlauf der Erkrankung (Prognose) sowie die Behandlungsmöglichkeiten hängen stark vom Krankheitsstadium, d. h. der Ausbreitung des Tumors im Körper ab. Mit Hilfe von bildgebenden Verfahren, wie z. B. Ultraschall, Computertomographie (CT) oder Kernspintomographie (MRT, NMR) wird der Bauchraum, der Brustkorb und das betroffene Lymphknotengebiet untersucht und die Befunde nach der Ann Arbor Klassifikation in vier Stadien eingeteilt. Zusätzliche Kürzel zum Stadium geben Auskunft darüber, ob ein Befall außerhalb von Milz und Lymphknoten vorliegt (E = extranodal) oder ob der Patient B-Symptome (Fieber, Nachtschweiß, Gewichtsverlust) zeigt (B) oder nicht (A).

Für die Therapiefindung wird ferner ein speziell für Patienten mit MCL entwickelter Prognose-Index MIPI (MCL International Prognostic Index) herangezogen. Dieser berücksichtigt das Alter und den Allgemeinzustand des Patienten, bestimmte Enzymwerte im Blut (LDH) sowie die Anzahl der Leukozyten und teilt Patienten in drei Risikogruppen ein.

Der Proliferationsmarker Ki67 schließlich gibt Auskunft über die Wachstumsgeschwindigkeit des Tumors. Höhere Prozentwerte bedeuten, dass der Tumor aggressiver ist.

Wie wird das MCL behandelt?

Verläuft die Erkrankung langsam und wenig aggressiv (indolent), dies ist bei ca. 10-15 % der Patienten mit MCL der Fall, muss nicht zwingend sofort eine Behandlung eingeleitet werden. Es sollte jedoch eine engmaschige Überwachung stattfinden, da sich das Wachstum verändern und das indolente in ein aggressives MCL übergehen kann. Diese Vorgehensweise wird auch als „Watch & Wait Strategie“ bezeichnet.

In den Stadien I und II nach Ann Arbor mit nur kleinem Lymphknotenbefall oder zur Verringerung der Tumormasse in den Stadien III und IV kann eine Strahlentherapie durchgeführt werden. Ionisierende Strahlung schädigt dabei die sich rasch vermehrenden Tumorzellen stärker als die gesunden Körperzellen und verhindert oder reduziert dadurch das Tumorwachstum.

Die meisten Behandlungsansätze beruhen auf dem Einsatz von Chemotherapeutika. Wie auch bei der Strahlentherapie nutzt man hier die Tatsache, dass chemotherapeutische Wirkstoffe die sich schnell teilenden Tumorzellen stärker schädigen. Bei der Immunchemotherapie wird die Chemotherapie mit Antikörpern kombiniert, die an Oberflächenstrukturen der Tumorzellen binden und diese direkt schädigen. Neben diesen Substanzen kommen insbesondere in fortgeschrittenen Stadien neuere Wirkstoffe, wie Proteasominhibitoren, Tyrosinkinaseinhibitoren und immunmodulierende Wirkstoffe zum Einsatz. Bei jüngeren Patienten mit gutem Allgemeinzustand stellt eine Hochdosis-Chemotherapie und eine autologe Stammzelltransplantation (Übertragung von eigenen, aus dem Blut gewonnenen Stammzellen) bzw. eine allogene Stammzelltransplantation (Übertragung von Stammzellen eines gesunden Fremdspenders) im Rezidiv, d.h. bei Wiederauftreten der Erkrankung, eine Therapieoption dar. Durch diese Therapieansätze kann das MCL einige Jahre kontrolliert werden.

Da der Krankheitsverlauf beim MCL von Patient zu Patient jedoch sehr unterschiedlich ist, sollte die optimale Therapie zusammen mit dem behandelnden Arzt unter Berücksichtigung des Patienten-individuellen Gesundheitszustandes festgelegt werden.

Weblinks & Literatur:

  • Patienteninformationen zu MCL zum Bestellen und Herunterladen erhalten Sie bei service.celgene.de
  • Kompetenznetz Lymphome, Mantelzell-Lymphom, Version März 2017
  • NHLinfo.de – Infoportal für Patienten zum Non-Hodgkin-Lymphom, Mantelzell-Lymphom
  • DGHO Leitlinie, Mantelzell-Lymphom, Version März 2017
  • Hiddemann W, Dreyling M, Stein H Lymphome – Neue Erkenntnisse und Therapiestrategien, Thieme Verlag Stuttgart, 2005
  • Dreyling M, Geisler C, Hermine O et al. Newly diagnosed and relapsed mantle cell lymphoma: ESMO Clinical Practice Guidelines for diagnosis, treatment and follow-up, Annals of Oncology, 2014 Sep;25 Suppl 3