Meilensteine der Innovation: Wie das multiple Myelom kontrollierbar wurde

17.05.2016   |   12:02 CET

Das multiple Myelom, eine seltene Art von Blutkrebs, ist ein gutes Beispiel dafür, wie medizinische Innovation die Prognose von Patienten mit Krebs verbessern kann. Gegen Ende der 1990er Jahre gab es für Betroffene kaum therapeutische Optionen und nur etwa die Hälfte der Patienten profitierte von den verfügbaren Behandlungen.1 Zu diesem Zeitpunkt betrug das mediane Gesamtüberleben für alle Erkrankungsstadien des multiplen Myeloms nur rund drei Jahre. Parallel liefen jedoch bereits mehrere Forschungsprogramme mit Wirkstoffen, die ein hohes Potenzial bei dieser Erkrankung vermuten ließen. In den kommenden Jahren wurden diverse Medikamente für die Therapie von Myelom-Patienten zugelassen – unter anderem immunmodulierende Substanzen, die sowohl die Tumorzellen direkt schädigen als auch das Tumorwachstum hemmen und zudem körpereigene Abwehrmechanismen gegen den Krebs aktivieren. Diese und weitere Entwicklungen trugen dazu bei, dass die 5-Jahres-Überlebensraten bei diesem Tumor zwischen den Jahren 2000 und 2009 laut dem amerikanischen SEER-Register um rund 73 Prozent anstiegen.

Wie jedoch rückte das multiple Myelom in den Fokus von Medizinern und forschenden pharmazeutischen Unternehmen? Die folgende Übersicht zeigt die Meilensteine des therapeutischen Fortschritts bei dieser schwerwiegenden Erkrankung auf:

  • Erstmals erwähnt wird das multiple Myelom Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Bezeichnung ‚mollities et fragilitas ossium‘ beschreibt Symptome wie Müdigkeit und Knochenschmerzen ausgehend von mehreren Frakturen.
  • 1845 entdeckt der englische Physiker und Chemiker Henry Bence Jones ein später nach ihm benanntes Protein, das bis heute ein entscheidender diagnostischer Marker für das multiple Myelom und andere Blutkrebsarten ist.
  • Bis 1945 ein erstes Chemotherapie-Medikament in die Myelom-Therapie eingeführt wurde, war die Bestrahlungstherapie die einzige Behandlung für Krebsarten, die von den Plasmazellen ausgehen. 15 Jahre lang stellte diese Chemotherapie den Behandlungsstandard dar, bis in einer placebokontrollierten Studie keine therapeutische Wirkung nachgewiesen werden konnte.
  • 1958 wird nachgewiesen, dass ein zytostatischer Wirkstoff aus der Gruppe der Alkylanzien, also ein Wirkstoff, der die Zellteilung hemmt, die Tumormasse beim multiplen Myelom reduziert. Als sich 1962 zudem ein Sterioid als wirksam gegen das multiple Myelom erweist, wird die Kombination dieser beiden Substanzen für viele Jahrzehnte zur Standardtherapie.
  • Die erste Stammzellentransplantation bei multiplem Myelom wird 1982 durchgeführt. In Kombination mit einer hochdosierten Therapie ermöglicht eine autologe Transplantation, also die Transplantation vorher entnommener „eigener“ Stammzellen des Erkrankten zu einem späteren Zeitpunkt, einer kleinen Anzahl geeigneter Patienten Hoffnung auf ein längerfristiges Überleben der Krankheit.
  • In den frühen 2000er Jahren wurden die ersten immunmodulierenden Substanzen für die Therapie verschiedener Stadien des multiplen Myeloms zugelassen. Diese Substanzen werden nach wie vor weiter in Bezug darauf erforscht, wie Patienten mit einem multiplen Myelom oder anderen Erkrankungen des blutbildenden Systems den größtmöglichen Nutzen aus der Behandlung ziehen können.
  • Im Jahr 2004 wurde für die Behandlung des multiplen Myeloms als weitere innovative Wirkstoffklasse in der EU ein Proteasom-Inhibitor zugelassen.

Auch wenn sich aufgrund dieser medizinischen Innovationen das Gesamtüberleben der Patienten um rund 50 Prozent verlängert hat, besteht dennoch weiterhin ein hoher Bedarf für potenziell heilende Therapien. Obwohl bereits einige moderne Medikamente verfügbar sind, beträgt die durchschnittliche Überlebenszeit älterer Patienten derzeit nur vier bis sechs Jahre und bei jüngeren Patienten acht bis zehn Jahre.1 Zudem ist durch die steigende Lebenserwartung der europäischen Bevölkerung mit einem Anstieg der Fallzahlen des multiplen Myeloms zu rechnen, da die Erkrankung vor allem im höheren Lebensalter auftritt.

Bild: Group of geneticists working at media screen (Fotolia – Urheber: Alexander Raths)

1) San-Miguel JF, Mateos MV. Haematologica. 2011;96(9):1246–8.