Die gestörte Blutbildung wieder normalisieren

Chancen durch eine Stammzelltransplantation

11.07.2016   |   09:47 CET

Unter dem Begriff „Blutkrebs“ wird eine Vielzahl von Erkrankungen zusammengefasst, die eines gemeinsam haben: Die weißen Blutzellen, eine wichtige Komponente des Immunsystems, geraten außer Kontrolle und vermehren sich rasch. Dabei verdrängen sie andere gesunde Blutzellen. Diese Vorgänge gehen von den Stammzellen im Knochenmark, also dem Ort der Blutbildung, aus. Eine anhaltende Umkehrung dieser entarteten Prozesse bzw. eine Heilung ist durch Medikamente bislang nicht möglich. Es gibt für Lymphom- und Leukämie-Patienten jedoch in einigen Fällen Hoffnung: Durch die Zerstörung der krankhaften Knochenmarkzellen und die anschließende Transplantation gesunder Stammzellen kann der Krankheitsverlauf entscheidend verbessert werden. Bei manchen Patienten kommt der Krebs durch eine Stammzelltransplantation sogar komplett und dauerhaft zum Stillstand.

Stammzelltransplantation ist nicht gleich Stammzelltransplantation

Es gibt zwei unterschiedliche Formen einer Stammzelltransplantation: die autologe Transplantation, bei der es sich bei Spender und Empfänger um dieselbe Person handelt, und die allogene Transplantation, bei der ein Blutkrebspatient Stammzellen eines anderen Menschen, seines „genetischen Zwillings“, erhält. Beide Verfahren haben Vor- und Nachteile. Welches Verfahren für welchen Patienten infrage kommt, wird gemeinsam mit dem behandelnden Hämatologen entschieden.

Die autologe Transplantation

Eine autologe Transplantation wird vor allem bei Lymphom-Patienten eingesetzt, beispielsweise beim multiplen Myelom und beim Mantelzell-Lymphom. Bei diesem Verfahren werden dem Patienten in Phasen des Krankheitsstillstands, also in der Regel nach einer erfolgreichen medikamentösen Therapie, gesunde Stammzellen entnommen und konserviert. Diese können ihm bei einem erneuten Auftreten der aktiven Erkrankung wieder zugeführt werden. Dieses Verfahren bietet diverse Vorteile: Es kann unabhängig von einem schwierig zu findenden Spender durchgeführt werden und es besteht keine Gefahr, dass der Körper die Stammzellen abstößt – schließlich handelt es sich nicht um körperfremde Zellen. Allerdings besteht bei jeder autologen Transplantation auch die Gefahr, dass bei der Stammzellrückführung auch wieder kranke Zellen transplantiert werden, die eine vorherige Chemotherapie überlebt haben. Dies kann dazu führen, dass der Blutkrebs erneut auftritt.

Die allogene Transplantation

Bei der allogenen Transplantation erhält der Patient Stammzellen eines Spenders, der nicht an Blutkrebs erkrankt ist oder war – eines Menschen mit gesunden Stammzellen. Voraussetzung für diese Behandlung ist, dass die Merkmale der Stammzellen von Spender und Empfänger möglichst identisch sind. Bei Familienmitgliedern ist die Wahrscheinlichkeit dafür deutlich höher, weshalb sich in der Regel zuerst Blutsverwandte testen lassen, ob sie als Spender infrage kommen. Bei etwa zwei Dritteln der Patienten ist dies jedoch nicht der Fall. Dann wird über globale Datenbanken ein fremder Spender gesucht. Die bekannteste deutsche Organisation, die diesen Prozess in Deutschland mitkoordiniert, ist die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS). Die Wahrscheinlichkeit, einen passenden Spender zu finden, gelingt trotz globaler Bemühungen nicht immer. Hat ein Patient jedoch Glück und findet einen Spender, werden verschiedene Test gemacht, bevor schließlich die Zellen transplantiert werden.

Durch eine solche Stammzellspende können rund 80 Prozent der Patienten geheilt werden. Dennoch ist diese Therapie nicht frei von Risiken: In einigen Fällen kommt es nach der Transplantation zu einer sogenannten graft versus host disease, also einer Transplantat-gegen-Wirt-Reaktion. Dabei greifen die gesunden transplantierten Zellen das Gewebe des Patienten an, der die Spende erhalten hat. In diesem Fall werden Medikamente eingesetzt, die das Immunsystem unterdrücken, um schwere Nebenwirkungen zu verhindern.

Kriterien für die Wahl einer Therapie

Bei der Entscheidung für oder gegen eine bestimmte Behandlung spielen viele verschiedene Faktoren eine Rolle. Neben dem biologischen Alter des Patienten und dessen aktuellen Gesundheitszustand müssen auch Faktoren wie die persönliche Lebenssituation beachtet werden. Patienten sollten sich über alle verfügbaren Behandlungsoptionen umfassend informieren und mit ihrem behandelnden Arzt sprechen. In einigen Fällen kann es sinnvoll sein, bei einem anderen Arzt eine Zweitmeinung einzuholen. Dies ist gerade bei solch relevanten Therapieentscheidungen eine übliche Herangehensweise.

Weiterführende Informationen zu diesem Thema:

Informationen der Deutschen Krebsgesellschaft zur Knochenmark- und Blutstammzelltransplantation: www.krebsgesellschaft.de

Informationen des Krebsinformationsdienstes zum Thema Blutstammzelltransplantation: www.krebsinformationsdienst.de

Website der DKMS: www.dkms.de

Bild: Arzt mit Wattestäbchen für Speichelprobe (Fotolia – Urheber: Dan Race)