Finanzielle Unterstützung bei Krebs

29.08.2016   |   09:50 CET

Eine Krebsdiagnose ist ein Schock. Immer, völlig unabhängig von der jeweiligen Lebenssituation oder den finanziellen Möglichkeiten der Betroffenen – sie bedroht das Leben der Patienten, wirft sie aus der Bahn und bringt den gewohnten Alltag aus dem Rhythmus. Auch wenn sich in den letzten Jahren die Überlebensraten speziell bei einigen Krebsarten verbessert haben, ändert sich für den Betroffenen vieles. Angesichts umfangreicher Therapieangebote und Verdienstausfall stellt sich die Frage, welche Möglichkeiten der finanziellen Unterstützung es gibt. In Deutschland sieht es generell gut aus: Es stehen moderne, evidenzbasierte Behandlungsverfahren für alle Krankheitsstadien zur Verfügung. Ein breites Spektrum wird dabei von den gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) abgedeckt. Auch im Bereich der psychologischen Betreuung gibt es eine Fülle an Angeboten für Patienten sowie Angehörige.

Sozialgesetz und Sozialamt: umfangreiche Unterstützung im Ernstfall
Anders als in vielen Ländern sind in Deutschland zahlreiche Leistungen für Krebspatienten staatlich geregelt. So dürfen fest angestellte Arbeitnehmer im Krankheitsfall auf das übliche Prozedere einer sechswöchigen Lohnfortzahlung setzen. Krebserkrankungen gehen aber im Normallfall über diesen Zeitraum hinaus, sodass anschließend Krankengeldzahlungen geleistet werden. Selbstständige Versicherungsnehmer haben zunächst keinen Anspruch darauf, können aber bei Vertragsabschluss die Option Krankengeld wählen. Anstatt einer Ermäßigung zahlen sie dann den normalen GKV-Tarif.1 Privatversicherte können durch Abschluss einer Krankentagegeldversicherung bis zu 100 Prozent ihres früheren Einkommens erhalten.2

Verhindert die Krebserkrankung eine Rückkehr in den alten Beruf und ist eine berufliche Rehabilitation ausgeschlossen, kann Erwerbsminderungsrente beantragt werden. Die Rentenhöhe hängt dabei von dem Grad der Erkrankung ab.3

Ist das Einkommen der Betroffenen insgesamt gering, ist der Gang zum Sozialamt empfehlenswert. Hier dürfen Patient und Angehörige gegen Nachweis ihrer schwierigen finanziellen Situation mit Hilfestellungen, z. B. Wohn- und Kleidergeld, rechnen. Auch spezielle Heilbehelfe, z. B. der Wohnungsumbau oder ein behindertengerechtes Auto, werden bei Bedarf finanziert.4

Härtefallfonds der Deutschen Krebshilfe: wenn es schnell gehen muss
Eine Krebsdiagnose kann aber auch zu einem plötzlichen finanziellen Engpass führen und Anträge brauchen oftmals Wochen, bis sie abschließend bearbeitet bzw. bewilligt sind. Schnelle Unterstützung bietet der Hilfsfonds der Deutschen Krebsgesellschaft, der sich speziell an unverschuldet in finanzielle Not geratene Krebspatienten und ihre Angehörigen richtet. Um einem Missbrauch vorzubeugen, richtet sich die Bewilligung nach dem Familieneinkommen.5 Anträge und weiterführende Informationen hierzu finden sich auf der Website der Deutschen Krebshilfe.

Anerkennung einer Schwerbehinderung
Um die finanziellen Folgen einer Krebserkrankung abzumildern, besteht die Möglichkeit der Prüfung und Anerkennung einer Schwerbehinderung durch die Landesämter für soziale Angelegenheiten. Der Grad der Behinderung (GdB) skaliert sich in Zehnerschritten von 20 bis 100 Prozent, wobei bei einer bösartigen Tumorerkrankung mit einer Einstufung bei mindestens 50 Prozent gerechnet werden kann. In bestimmten Zeitintervallen (meistens fünf Jahre) erfolgt eine weitere Beurteilung und gegebenenfalls Neueinstufung. Sollte sich die Erkrankung verschlechtern, ist es ratsam, einen Antrag auf Verschlimmerung zu stellen.6

Nach der Anerkennung als Schwerbehinderter erhält der Betroffene beispielsweise ermäßigte Fahrpreise in Bus und Bahn, aber auch steuerliche Erleichterungen.7 Weitere Informationen hierzu gibt es beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales.

Ärztliche und therapeutische Leistungen: weitgehend abgedeckt
Prinzipiell hat jeder Krebspatient das Recht, eine zweite ärztliche Meinung einzuholen, wenn es um die Diagnose oder auch die Entscheidung für eine Therapie geht. Eine Übernahmeverpflichtung dieser Kosten durch die GKV besteht dabei aber nicht. Eine vorherige Abklärung mit der Krankenkasse schafft hier Sicherheit.8

Verschreibungspflichtige Medikamente werden zum größten Teil von den Krankenkassen finanziert. Was bleibt, sind gesetzlich geregelte Zuzahlungen, die von den Patienten selbst zu tragen sind. Die Kosten pro Zuzahlung liegen zwischen fünf und zehn Euro. Die maximale Höhe der Zuzahlungsbeträge ist jedoch nach oben gedeckelt, um Betroffene nicht noch zusätzlich zu belasten. Als Obergrenze gilt ein geringer Prozentsatz des jährlichen Familien-Bruttoeinkommens. Ist diese Grenze überschritten, kann eine anteilige oder vollständige Zuzahlungsbefreiung bei der Krankenkasse beantragt werden.9 Patienten sollten zum Nachweis der Zuzahlungsbeträge unbedingt alle Quittungen aufbewahren.

Sofern sie als Therapiestandard gelten, werden bei Krebserkrankungen auch nicht-verschreibungspflichtige Arzneimittel durch die Krankenkassen erstattet.10 Als erfolgssichernde Elemente einer Behandlung finanzieren die Kassen auch den Großteil an Hilfsmittel, wie z. B. Prothesen und Perücken bei Haarausfall als Folge einer Chemotherapie. Sehhilfen werden nicht mehr bezahlt, werden aber auch nur relativ selten ausschließlich aufgrund einer Krebserkrankung benötigt.

Komplementärmedizin: Kassenübernahme nicht immer ausgeschlossen
Komplementärmedizinische Ansätze dürfen keinesfalls als Ersatz für eine evidenzbasierte, schulmedizinische onkologische Therapie angesehen werden. In einigen Fällen – z. B. bei der Hyperthermiebehandlung – können sie aber durchaus eine sinnvolle Ergänzung darstellen. Zusätzlich tut es vielen Patienten gut, aktiv und mit verschiedenen Methoden gegen die Erkrankung anzukämpfen. Um eine fundierte Entscheidung für oder gegen eine komplementäre Therapie zu treffen, ist es wichtig, dass sich Betroffene vorher gut informieren und enge Absprachen mit dem behandelnden Arzt und dem Anbieter der komplementären Maßnahmen treffen. Worauf sie hierbei ihr besonderes Augenmerk lenken sollten, hat das Informationsnetz für Krebspatienten und Angehörige (Inkanet) in einer Checkliste für eine alternative Behandlung zusammengestellt.

Eine Kostenübernahme durch die gesetzlichen Krankenkassen ist bei komplementärmedizinischen Ansätzen unwahrscheinlich. Etwas Hoffnung besteht aber: Seit 2004 räumt der Gesetzgeber den Krankenkassen die Möglichkeit von Direktverträgen mit Ärzten über die Behandlung ein. Darin können auch komplementärmedizinische Verfahren verankert werden. In jedem Fall lohnt eine Anfrage beim jeweiligen Versicherer, vor allem bei privaten Kassen.11 Die gesetzlichen Krankenkassen sind in Deutschland zur Übernahme von allen Therapien verpflichtet, die für den Patienten sinnvoll und bedarfsgerecht sind und zudem im Einklang mit dem aktuellen Stand der Forschung stehen. Nicht notwendige, wissenschaftlich nicht anerkannte oder unverhältnismäßig teure Verfahren, für die es eine gleichwertige, günstigere Alternative gibt, gehören nicht zum Leistungsportfolio der gesetzlichen Krankenkassen.12 Auch viele private Versicherer werden diese verwehren.

Psychologische Unterstützung
Im Bereich Psychotherapie besteht aktuell noch Handlungsbedarf: Während die Kosten für eine spezielle seelische Betreuung im Rahmen eines Klinikaufenthaltes praktisch immer übernommen werden, gilt es in der ambulanten Versorgung einiges zu beachten. Das Problem: Einige auf den Bereich Psychoonkologie spezialisierte Therapeuten besitzen keine Kassenzulassung. Zudem kann über die Krankenversicherungskarte nur eine psychoanalytische Therapie, eine tiefenpsychologisch fundierte Therapie oder eine Verhaltenstherapie in Anspruch genommen werden.13 Bei privaten Kassen ist dies fallabhängig. Somit sollte auch in diesem Bereich ein Gespräch mit der Krankenkasse stattfinden, bevor Leistungen in Anspruch genommen werden.

Wertvolle Unterstützung leisten auch Patientenorganisationen und Beratungsstellen, die über eine Fülle an oftmals kostenfreien Angeboten verfügen, Betroffene aber auch an entsprechende Stellen weitervermitteln können.

Weiterführende Informationen zum Thema:

1) Krankenkassen Deutschland, Selbstständige können wieder gesetzliches Krankengeld erhalten, Stand 01.08.2009
2) Deutsche Krebshilfe e.V.: Wegweiser zu Sozialleistungen – Die blauen Ratgeber, Nr. 40, Stand 03.2011, Seite 62/63
3) Arbeitsratgeber – Erwerbsminderungsrente
4) Josef Miligui: Ja ich lebe…mit Krebs – ein Ratgeber für Betroffene, Angehörige und medizinische Fachkräfte, 1. Auflage, Books on Demand (Norderstedt), Seite 104
5) Deutsche Krebshilfe e. V.: Der Härtefonds hilft in finanzieller Not
6) Hermann Delbrück: Leberkrebs – Rat und Hilfe für Betroffene und Angehörige, Verlag W. Kohlhammer, 1. Auflage 2008, S. 167
7) Bernd Röger: Finanzielle Hilfen für Menschen mit Behinderung, 5. aktualisierte Auflage, Walhalla Rechtshilfen, Kapitel 10 (Ansprüche und Vergünstigungen von A – Z)
8) Deutsche Krebshilfe e. V.: Häufige Fragen, Stand 2007
9) Beta-net – Suchmaschine für Krankheit & Soziales
10) Walter E. Aulitzky, Hubert Seiter, Werner Waldmann: Handbuch Krebs, Südwest eBooks, Kapitel „Art der Leistungen und Zuzahlungen“
11) INKA – das Informationsnetz für Krebspatienten und Angehörige, Rubrik Alternative Behandlung
12) Deutscher Krebsinformationsdienst: Individuelle Gesundheitsleistungen, letzte Aktualisierung 01.09.2014
13) Informationsportal Psychoonkologie Weser-Ems

Bild: hedef başarısı ve birlik beraberlik ruhu (Fotolia – Urheber: crazymedia)